„Interdisziplinäre Forschungsgruppe“


Von Beginn an war die Klinik auf der Lindenburg, obgleich nicht Universitätsklinik, auch Ort medizinischer Forschung. Eine Professur an der Kölner Akademie für praktische Medizin war, insbesondere als Karrieresprungbrett zu einer Universitätsprofessur, durchaus attraktiv. Andererseits war der Physiologe Ewald Hering nicht der einzige, der von einem Universitätslehrstuhl nach Köln wechselte. Schon seit dem 19. Jahrhundert genossen die Großstadtkrankenhäuser mit ihrem breiten Spektrum an Krankheitsbildern und den hohen
Fallzahlen große Beliebtheit als klinische Forschungsstätten. Mit Hering aus Prag kam sein wissenschaftlich ambitionierter Assistent Bruno Kisch. Das Foto zeigt ihn mit dem damaligen Oberarzt der Psychiatrischen und Nervenklinik Otto Remertz.

Kischs 1960 in Köln publizierte Autobiographie „Wanderungen und Wandlungen“ lässt das ärztliche Leben auf der Lindenburg in seinen vielen Facetten lebendig werden:

„Fünf Abende die Woche saßen wir von neun bis elf oder zwölf in dem winzig kleinen Laboratorium der Aschaffenburgschen Klinik zusammen bei mühseliger Laboratoriums-Arbeit. Eine Photographie aus jener Zeit, die der Laboratoriumsdiener aufgenommen hat, zeigt uns beide mit dem Oberflächenspannung messenden Traubeschen Stalagmometer. Wir genossen die friedliche Stille nächtlichen Arbeitens, die meist nur gegen elf Uhr dadurch unterbrochen wurde, dass Schneider mit dem Teekännchen in der Hand hereinschwebte, um sich an der Gasflasche des Laboratoriums das Wasser für seinen abendlichen Tee heißzumachen.“

Die Rede ist von dem Psychologen Kurt Schneider, damals ebenfalls Oberarzt bei Gustav Aschaffenburg in der Psychiatrischen Klinik, später von 1945 bis 1955 Ordinarius in Heidelberg. Sein 1923 erschienenes Buch „Die psychopathologischen Persönlichkeiten“ erlebte als Standardwerk der Psychiatrie neun Auflagen.

Otto Remertz starb als Soldat im Ersten Weltkrieg. Bruno Kisch, ebenfalls Soldat, überlebte den Krieg und kehrte nach Köln zurück. 1933 war er einer derjenigen Dozenten, denen die Kölner Universität aufgrund der jüdischen Abstammung Berufsverbot erteilte. Mit seiner Familie emigrierte Kisch noch rechtzeitig in die USA , wo er seine Forschungen weiterführte. Er war einer der Pioniere der physiologischen Forschung am Elektronenmikroskop und entdeckte die Mitochondrien der Herzmuskelzellen.
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